Projektwerkstatt

MASSE ... IN FORM GEGOSSEN
WIRD AUS DEN VIELEN AUCH VIELFALT?

Eine Menge von Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen


1. Soziale Organisierung als Teil des Menschseins
2. Eine Menge von Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen
3. In welcher Form leben wir?
4. Biologie und Kultur des Menschen bieten mehr
5. Plädoyer für Vielfalt ohne Hierarchie
6. Links und Leseempfehlungen

Wenden wir uns einem abstrakten Blickwinkel zu und stellen die Frage: Welche Organisierungsstruktur können denn Menschen wählen? Bei einer ganz groben Einteilung zeigen sich drei Varianten plus ihren Mischformen. Das heißt, die Menschen hatten und haben die Entscheidungsmöglichkeit zwischen drei sehr unterschiedlichen Formen.

Masse: Gesamtheit ohne Differenz
Eine Menge von vielen, die untereinander nicht unterscheidbar sind und in der Masse auch keine individuellen Verhaltensweisen entwickeln, sei als Masse bezeichnet. Das kommt unter Lebewesen in Reinstform nicht vor, weil individuelles Verhalten durch sehr viele Prozesse ausgelöst werden kann. Für den Begriff der Masse soll hier deshalb reichen, wenn sich die Vielen in Bezug auf die Masse gleichförmig verhalten. Es kommt also nicht darauf an, was sie sonst noch tun oder an was sie denken, sondern ob sie sich hinsichtlich ihrer Organisierung in der Masse eigenständig verhalten oder der Masse gemäß. Masse ist das klassische Mitschwimmen im Strom

Unter Tieren kommen Massen vor allem als Herde oder Schwarm vor, wobei vor allem ersteres nur dann gilt, wenn es keine klaren Hierarchien gibt. Für das einzelne Tier in der Herde ist die Existenz einer Hierarchie mitunter aber gleichgültig, weil es sich nicht nach dem Inhaber der privilegierten Position richtet, sondern nach dem Verhalten der anderen. Das ist ohnehin das zentrale Kennzeichen einer Masse: Die Einzelnen richten sich in ihrem Verhalten nach den anderen, vor allem also an in der Nähe befindlichen oder sonst erkennbaren Individuen aus. Herden und vor allem Schwärme können als Gesamtes bemerkenswert schnelle, sogar ruckartige Bewegungen ausführen, weil die Orientierung an den NachbarInnen im Schwarm dazu führt, dass eine abweichende Bewegung von Wenigen sich schnell im gesamten Schwarm fortsetzen kann.

Beim Menschen kommen solche konkreten Situationen bei großen, unsortierten Menschenmassen vor, z.B. als Publikum bei großen Veranstaltungen. Eine typische Umsetzung der Reaktion auf NachbarInnen ist die La-ola-Welle im Stadion, die genau auf dem Mechanismus der leicht zeitverzögerten Reaktion auf ein Verhalten der Nachbarperson aufbaut. Erschreckender, aber ebenso beispielhaft, ist die Entstehung von Panik.

Masse ohne Differenz ist dumm. Die Reflexionsfähigkeit der Einzelnen geht zurück oder ganz unter. Stattdessen reagieren die Teile auf die Impulse und Welleneffekte des Gesamten. Der Ursprung des erkannten und dann willenlos nachgemachten Verhaltens ist nicht erkennbar. Das schafft die Voraussetzung für die schnelle Wirksamwerdung von Diskursen und eine einfache Steuerung der Masse.
Wenn z.B. Gerüchte auftauchen oder Ängste geschürt werden, kann sich das selbst schnell fortpflanzen. Herkunft und Begründung einer Information lassen sich nur schwer ermitteln, die Wucht der Information ersetzt Argumente. Stille-Post-Effekte können zu einer Dramatisierung im Verlauf der Informationsweitergabe führen. In einheitlichen Massen zirkuliert die Information dann selbsttragend, d.h. sie erreicht immer wieder von Neuem die Einzelnen und beruht auf dieser scheinbaren Überzeugungskraft. Die Organisierung von Reflexion, z.B. indem sich innerhalb der Masse eine kleine Gruppe bildet, die das Gehörte diskutiert und hinterfragt, widerspricht dem Prinzip der Masse und würde diese auflösen. Doch regelmäßig unterbleibt eine solche Strukturierung der unstrukturierten Masse. Masse besteht nur als Masse, d.h. sie bildet eine Einheit, in dem die Eigenheit der Einzelnen verschwindet.

Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 81)
Wir haben das Gefühl, die Freiheit der Meinungsäußerung sei der letzte Schritt auf dem Siegesmarsch zur Freiheit. Dabei vergessen wir, dass die freie Meinungsäußerung zwar einen wichtigen Sieg im Kampf gegen alte Zwänge darstellt, dass der moderne Mensch sich aber in einer Lage befindet, wo vieles, was "er" denkt oder sagt, genau dasselbe ist, was auch alle anderen denken oder sagen; dass er sich nicht die Fähigkeit erworben hat, auf originelle Weise (das heißt selbständig) zu denken - was allein seinem Anspruch einen Sinn gibt, dass niemand das Recht hat, ihm die Äußerung seiner Meinung zu verbieten. Außerdem sind wir stolz darauf, dass sich der Mensch in bezug auf seine Lebensführung nicht mehr von äußeren Autoritäten sagen zu lassen braucht, was er zu tun und zu lassen hat. Wir übersehen, welch große Rolle die anonymen Autoritäten wie die öffentliche Meinung und der "gesunde Menschenverstand" spielen, die eine solche Macht über uns haben, weil wir so durchaus bereit sind, uns den Erwartungen entsprechend zu verhalten, die die anderen an uns stellen, und weil wir eine so tiefsitzende Angst davor haben, uns von ihnen zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Wir sind von der Zunahme unserer Freiheit von Mächten außerhalb unserer selbst begeistert und sind blind für die inneren Zwänge und Ängste, die die Bedeutung der Siege, welche die Freiheit gegen ihre Waditionellen Feinde gewonnen hat, zu unterminieren drohen. Daher neigen wir zu der Meinung, es gehe bei dem Problem der Freiheit ausschließlich darum, noch mehr von jener Freiheit zu erwerben, die wir bereits im Verlauf der neueren Geschichte gewonnen haben, und wir hätten weiter nichts zu tun, als die Freiheit gegen all jene Mächte zu verteidigen, welche uns diese Art der Freiheit versagen wollen.

Aus "Kopf und Körper" von Peter Hacks, in: Junge Welt, 13.12.2018 (S. 12f)
Das Denken der Schicht ist, da sich mehrere nur auf sehr fade, allgemeine und unbestreitbare Meinungen einigen können, noch kleinbürgerlicher und durchschnittlicher als das jedes einzelnen. Einer vermag sich ja zum Beispiel doch dieses und jenes Ergebnis der Vernunft von irgendwoher zuzueignen, wenn auch nur schizoiderweise in einem unglücklichen Bewusstsein, welches von dem wirklichen Leben ganz abgetrennt sein muss. Die Schicht kann das nicht. Der Kleinbürger ist also im Umgang mit dem Kleinbürgertum noch kleinbürgerlicher, als er es von materialen Umständen aus schon wäre. Und das bleibt wieder nicht ohne Rückwirkungen: Der Umgangston wird zum Grundton. Denn es gehört zur Bewährung einer Meinung vor allem, dass sie von den Mitgliedern der eigenen Schicht verstanden werde; es bedarf ihrer Anerkennung und Billigung. Der Mensch ist in allen seinen Bedürfnissen ein soziales Wesen, und die soziale Bewährung ist der strengste Maßstab für die Beurteilung einer Idee. ...
Wie ein gewisser Grad von Selbstgefälligkeit für die Gesundheit des einzelnen nicht entbehrt werden kann, so ist die Überzeugung von der Richtigkeit ihres Tuns eine Voraussetzung für das Bestehen einer gesellschaftlichen Gruppe.

Eine solche Masse kann wie ein Schwarm nach zufälligen Impulsen reagieren, sie ist aber auch leicht zu steuern. Masse ohne Differenz passt hervorragend zur Idee einer Führungsperson, ebenso lässt sie sich aber auch diskursiv steuern. Denn der Einzelne ist nicht nur als Teil einer Gesamtheit dumm, sondern auch als Gelenkter einer abstrakten Gesamtheit, die nicht die individuellen Möglichkeiten fördert, sondern das Individuum übergeordneten Zielen unterwirft. Als solche Beeinflussung kommen nicht nur gezielte Informationen, sondern auch die allgemeinen gesellschaftlichen Prinzipien und großen Diskurse in Frage. Sie lassen sich nicht mehr auf konkrete Personen zurückführen, sondern bilden die "Leitkultur", das Sortiment an Werten und Vorurteilen in einer Gesellschaft.

Auszug aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München (S. 35)
Die Gesellschaft besteht aus Menschen, und jeder Mensch ist mit einem Potential leidenschaftlicher Strebungen - archaische und progressive - ausgestattet. Dieses menschliche Potential als Ganzes wird von der Gesamtheit der ökonomischen und gesellschaftlichen Kräfte geformt, welche für die jeweilige Gesellschaft kennzeichnend ist. Diese Kräfte des gesellschaftlichen Ganzen erzeugen ein bestimmtes gesellschaftliches Unbewußtes und bestimmte Konflikte zwischen den verdrängenden Faktoren und den vorhandenen menschlichen Bedürfnissen, die für ein gesundes Funktionieren des Menschen wesentlich sind (etwa ein bestimmter Grad von Freiheit, Anregung, Interesse am Leben und Glück). Tatsächlich kommen - wie bereits erwähnt - in Revolutionen nicht nur neue Produktivkräfte zum Ausdruck, sondern auch der verdrängte Teil der menschlichen Natur. Revolutionen verlaufen darum nur dann erfolgreich, wenn beide Voraussetzungen gegeben sind. Die Verdrängung, ob sie nun individuell oder gesellschaftlich bedingt ist, entstellt den Menschen, sie fragmentiert ihn, beraubt ihn seiner vollen Menschlichkeit. Das Bewußtsein repräsentiert den "gesellschaftlichen Menschen", wie er von der jeweiligen Gesellschaft geprägt ist; das Unbewußte repräsentiert den universalen Menschen in uns, den guten und den schlechten Menschen, eben den ganzen Menschen, ...

Das Prinzip von Masse tritt in der menschlichen Gesellschaft vor allem als abstrakte Masse auf. Sie ist - von den benannten Ausnahmen des Publikums bei großen Veranstaltungen oder ähnlichen Situationen abgesehen - vor allem in einer virtuellen Verbundenheit prägend. Die Masse des Volkes tritt bei Wahlen zusammen - zwar tatsächlich an tausenden verschiedener Orte (Wahllokale), aber doch in einer Form, in der die Einzelnen getrennt dem Gesamten gegenüber stehen und einheitlich handeln. Sie bilden keine gesellschaftlichen Subräume, sondern treten einzeln in die Wahlkabine - abstrakt verbunden mit den Millionen anderer, auch wenn die nicht sichtbar sind. "Volk" ist der Inbegriff dieser Masse ohne Differenz. Das Wahlergebnis ist dann Gesamtausdruck dieser Masse, die als abstrakter Gesamtwille zu einer Art Persönlichkeit wird, die sprechen kann - eben als Wahlergebnis.
Ähnlich steht eine Masse einzelner Menschen, selbst wenn sie in ihrer Gesamtheit eine Binnenstruktur aufweisen, auflagen- und einschaltquotenstarken bzw. spezialisiert Meinung machenden Medien, den Institutionen der Erziehung, als Lohnabhängige zudem den Arbeit"geberInnen" oder als Inhaftierte dem System Knast gegenüber. Diese scheren Menschen "über einen Kamm", d.h. sie verhalten sich so, als wären die Menschen eine Masse ohne Differenz, wodurch die die Menge in diese Richtung formen oder verbleibende Individualität in die vorgefertigten Kanäle der Rädchen im System pressen. Zu solchen Medienereignissen gehört auch die Darstellung menschlicher Sozialisierung in Geschichtsschreibung oder Filmen. Sie schreiben große Erzählungen von den Menschen. Wer KinogängerIn ist oder öfter im Puschenkino daheim Filme schaut, wird sich vielleicht erinnern, sie kleine und große Leinwandklassiker die Menschen zu formlosen Massen machen, aus denen nur die HauptdarstellerInnen herausragen, um deren individuelle HeldInnenleistungen oder Bettgeschichten zeigen zu können. Der Rest ist Masse - manchmal wertungslos als kleine Rädchen in meist blutigen Kampfhandlungen historischer Epen (Troja, Brave Heart & Co.) oder Science Fiction Filmen wie Avatar oder Star Trek. Mitunter sind sie aber auch von sehr eindeutigen Gut- und Böse-Zuschreibungen geprägt, die den sich als gut definierenden Massen das Recht auf Eliminierung der Bösen gibt. Solche Grundmuster faschistoider Gesellschaftsideologie in Anwendung auf Massen ohne Differenz zeichnen Filme wie Star Wars oder Herr der Ringe aus. Sie alle formen die Wahrnehmung von Menschen als einheitliche Masse - mit der Wirklichkeit draußen in den Dörfern und Stadtteilen hat das wenig zu tun.
Die Welt in einheitliche soziale Klassen einzuteilen, macht Menschen zur Masse - ein Fehler, den herkömmliche Sozialpolitik ebenso macht wie marxistische Gesellschaftsanalyse. Religionen stellen Vermassungskonzepte dar: Die Einzelnen werden gleich gegenüber dem großen Gott oder der großen externen Weisheit - auch wenn Paul Ernst in "Zusammenbruch und Glaube" genau da Gegenteil zu verkünden versuchte: "Nur Religion macht ein Volk; wo die Menschen keine Religion haben, da ist nur Masse." Die Logik von Recht und Gesetz schafft etwas Ähnliches: Vor dem Gesetz sollen alle gleich sein, wird suggiert - und damit eine Gesamtheit inszeniert. Zwar ist die Gleichheit tatsächlich eine sehr platte Lüge, schließlich gibt es etliche Sondergesetze, die z.B. Minderjährigen, Nichtdeutschen usw. Rechte verweigern. Aber selbst wenn wenigstens die Gleichheit vor dem Gesetz stimmen würde, wäre es auch nicht emanzipatorisch. Denn damit gehen die Eigenheiten der Menschen und ihre Subjektivität verloren. Dem Gesetz wie dem Gott gegenüber stehen die Einzelnen alle als persönlichkeitsloses Individuum, als nur ein Staubkorn im Gesamten, eine Nummer aus der Masse.

Im Original: Vermassung
Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt (S. 57 f.)
Die privaten Rückzugsgebiete des Individuums, das Heim, Kindererziehung, Sexualität und die ruhigen Momente, die für persönliche Reflektion und Meditation reverviert sind, werden zu Instrumenten der Massenkultur, die die Erziehungsnormen diktiert, wie Elternliebe, physische Schönheit, persönliche Kleidung, Möbel und die intemsten Seiten zwischenmenschlicher Beziehungen. ...
Das Individuum, das sich selbst in soziale Neutralität und öffentliche Gleichgültigkeit flüchtet, liefert seine Privatheit den eindringenden sozialen Kräften aus, von denen es zu entkommen suchte. Es entwickelt sich eine zunehmende Konformität im Lebensrhythmus und den persönlichen Beziehungen.


Aus dem Buch "Die Welle"
Andere behaupteten, ihnen gefiele das Demokratische an dieser "Idee": die Tatsache, daß sie jetzt alle gleich seien.

Erst wenn sich die Menschen organisieren, also ihre eigenen Formen der Diskussion, Reflexion, Informationsbeschaffung, Interessensartikulation usw. entwickeln, verlassen sie das Stadium der Masse ohne Differenz - ein Grund dafür, dass z.B. in Gefängnissen jede Form der Solidarisierung zwischen Gefangenen oder der Bildung eigener Organisationsstrukturen schnell zerschlagen wird. Denn nichts ist besser steuerbar als die einheitliche Masse ohne Differenz. Masse neigt zu Blödheit, weil sie die Einzelnen stumm und stumpf macht, deren Kreativität und analytisches Hinschauen bricht.

Im Original: Dumme Einheitsmasse
Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 48 f.)
Ein chinesisches Sprichwort, das Lao-Tse, dem Gründer des Taoismus, zugeschrieben wird, besagt: "Ein Führer ist dann am besten, wenn ihn die Menschen kaum bemerken. Wenn die Arbeit getan und sein Ziel erreicht ist, dann sagen sie, 'Wir haben es selbst vollbracht'."
Neu jedoch ist der theoretische und praktische Beweis, dass ein Anführer (oder eine Gruppe von Anführern) eine Gruppe unerkannt und von innen heraus auf ein Ziel zuführen kann. Daraus lässt sich eine Regel ableiten, die wir nutzen können, wenn wir eine Gruppe in unserem Sinne beeinflussen wollen: Führen Sie von innen heraus (am besten mit einer Gruppe gleichgesinnter Kollegen oder Freunde), aber achten Sie darauf, dass es die anderen Gruppenmitglieder nicht bemerken. Gehen Sie einfach in die Richtung, in die Sie gehen wollen, und überlassen Sie den Rest den Gesetzen des Schwarms.
Das funktioniert in Gruppen, deren Angehörige eine angeborene oder angelernte Neigung haben, sich anderen in ihrer Umgebung anzuschließen. Es reicht schon aus, wenn einige nicht nachahmen, sondern die Führung übernehmen, und schon bald folgt ihnen die gesamte Gruppe. jede Abweichung wird rasch durch negative Rückkopplung korrigiert, und die Abweichler werden durch sozialen oder physischen Druck dazu gebracht, sich dem Rest anzuschließen. je größer die Abweichung, umso stärker der Druck. ...
Polizeibeamte haben uns berichtet, dass es ausreicht, bei Demonstrationen und Stragenschlachten eine kleine Gruppe von Randalierern festzunehmen, um die ganze Menge zu kontrollieren.

William Penn,1644 - 1718
Macht das Volk glauben, dass es regiert, und es wird sich regieren lassen.

Aus Hardt, M./Negri, A, 2002: Empire. Campus Verlag Frankfurt (S. 117)
Die Identität des Volkes wurde auf einer imaginären Ebene konstruiert, welche die Unterschiede entweder verbarg und/oder eliminierte; in der Praxis entsprechen dem die rassistische Unterwerfung und die soziale Säuberung. Der zweite grundlegende Schritt bei der Konstruktion des Volkes, der durch den ersten erleichtert wurde, besteht darin, die internen Unterschiede mittels Repräsentation der gesamten Bevölkerung durch eine hegemoniale Gruppe, Rasse oder Klasse zu verwischen.

Le Bon, Gustave 1895, Psychologie der Massen, Stuttgart 1951, S. 16, zitiert in: Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 288)
In der Menge, so Le Bon, "versinkt das Ungleichartige ... im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen"

Aus Geiger, Theodor (1963), "Demokratie ohne Dogma" (S. 202)
Nur wenn der Eine andere findet, die seinen Köhlerglauben teilen, kann er selbst ihn bewahren. In geschlossenem Verein vermag man dem Lächeln der Umwelt standhalten. Die Bestätigung seitens anderer befreit mich von der Verantwortung für die Ungereimtheiten meines Glaubens.

Je mehr die Unterschiedlichkeit verloren geht, desto stärker entsteht Masse. Konsensverfahren in großen Gruppen ohne Vielfalt und Unterschiedlichkeit schaffende Binnenstruktur verstärken diesen Effekt.
Am dramatischsten aber stellen sich die Verhältnisse in Massen ein, die ihre Existenz nur der Akklamation von außen. Das Volk, diese frei konstruierte Einheit aus einer völlig zusammenhanglosen Menge an Menschen, ist die am einfachsten zu handhabende Masse von Menschen, weil die Einzelnen nur in diese Masse hineingedacht werden. Das Volk lässt sich vereinnahmen, als Legitimation nutzen, ohne dass es je existiert hätte außer in Diskursen derer, die das Volk entstehen lassen, in dem sie den Gesamtwillen des Volkes konstruieren. Der Demkratie-Theoretiker Schumpeter stellte fest, dass der "Wille des Volkes das Erzeugnis und nicht die Triebkraft des politischen Prozesses" ist. In der Schrift "Das Leitbild der modernen Demokratie", die von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, heißt es ähnlich deutlich: "Es war schon davon die Rede, dass die Abgeordneten im Falle eines Konflikts zwischen Parlamentsmeinung und Volksmeinung das Volk von der Richtigkeit ihrer Meinung zu überzeugen hätten. Das können sie sinnvoll nur über Parteien tun. Denn die Parteien formen ja vielfach überhaupt erst den Willen des Volkes."

Gibt es einen Hang zur Konformität? Am 10. Dezember 2009 lief im Hessischen Rundfunk ein Beitrag über das Tanzen. Die Fragestellung schien langweilig: Warum tanzen Menschen so gern? Die Antwort war aber erhellend: Weil sie so gern dasselbe tun wie alle anderen auch, weil sie gern im festen Rhythmus sind und sich mit anderen harmonisch-einheitlich verhalten. Sollte der Mensch doch ein Herden- oder Schwarmtier sein? Mitunter scheint es so, als wäre das typische Schaf und seine treudumm daherkommende Neigung, gern in der Gesamtheit aller Tiere unterzugehen, zum Vorbild der Organisierung menschlicher Gesellschaft geworden (siehe die Geschichte von Schafen und Ziegen). Es gibt sogar Menschen, die werben für eine solche Sozialisierung als einheitliche Masse.

Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt
Wir müssen uns aber nicht in Cyborgs verwandeln, um die Schwarmintelligenz im Alltag zu nutzen. Wir müssen auch nicht zu Ameisen mutieren, obwohl unser Gehirn mit derselben dezentralen Logik arbeitet wie ein Ameisenhaufen. Wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, reicht es oft aus, wenn wir uns auf das normale menschliche Denken verlassen - und wenn wir dessen Grenzen erkennen. ... (S. 61)
Bei einer Schätzung erzielt die Gruppe als Ganze bessere Ergebnisse als die Mehrheit ihrer Mitglieder. Und zwar nicht nur manchmal, sondern immer. ... (S. 82)


Doch bei näherer Betrachtung stimmen schon die Argumente nicht. Zur Frage der Schätzfähigkeiten von Massen sei auf die Frage der Kriminalität verwiesen. Zwar ist auch hier denkbar, dass der Durchschnitt meist besser schätzt als die Mehrheit, aber die Abweichungen vieler Einzelner sind derart stark, dass es nicht darauf ankommt. Vielmehr entsteht der Verdacht, dass Masse als Ganzes viel leichter beeinflussbar ist als die vielen Einzelnen, so dass die Behauptung, die Masse sei beim Schätzen besser als die Mehrheit der Einzelnen nur auf solche Fragen zutrifft, bei der Zurichtungen, gesellschaftliche Rollen und Diskurse keine Rolle spielen. Menschen sind aber immer einer sozialen Zurichtung und den herrschenden Diskursen ausgesetzt. Dazu ist es gar nicht nötig, dass sie sich im konkreten Fall nochmals verständigen.

Aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 85 f.)
Doch die Weisheit der Masse ist kein Wunder, sondern lediglich eine Frage der Statistik. Das Entscheidende ist, dass die Schätzungen unabhängig voneinander erfolgen. Ist dies nicht der Fall, schlägt die Weisheit rasch in Dummheit um.


Schwarmintelligenz? Schwarmdoofheit! Beispiele ...
  • Du fährst in zu zweit oder mehreren nebeneinander mit dem Fahrrad. Es kommt Gegenverkehr. Du bremst, um dich hinter den anderen einzureihen. Was machen die anderen? Sie bremsen auch. Das ist völlig irrational, weil jetzt bleibt Ihr nebeneinander und ein Unfall droht. Die Reaktion der Anderen ist unbewusst. Sie reagieren aus ihren Nebenmensch, also in diesem Fall auf dich - ohne nachzudenken.
  • Wer schon einmal in Gruppen gearbeitet hat (und wer hat das nicht?), wird sich vielleicht eher an etwas anderes erinnern: Im direkten Gespräch sind Menschen oft reflektiert und besonnen. In der Gruppe neigen sie hingegen zu platten Überlegungen oder schließen sich schnell plausibel klingenden, aber genau deshalb oft simplen Denkmodellen an.

Masse, egal ob näher am biologischen Vorbild Herde oder am Schwarm, wirkt abtötend auf das eigenständige Denken. Möglicherweise erzeugt die Angst, anderen nicht zu gefallen, sein eigenes (kreatives) Handeln erklären zu müsen oder aus der Kollektivität herauszufallen, eine Neigung, den prägenden oder durchschnittlichen Kurs der Vielen mitzumachen, also einfach mit zu schwimmen in dem, was scheinbar vorherrschende Stimmung ist. Dass die Teile der Masse also auf Reflektion und eigene Gedanken ganz oder weitgehend verzichten, ist bereits ein Grund dafür, dass die in der Gesamtheit entstehenden Meinungen oft sehr flach sind. Ein anderer ist die leichte Beeinflussbarkeit. Wenn niemand mehr Bedenken äußert, können sich einfache Denk- und Erklärungsmuster schnell durchsetzen. Populismus ist die typische Art, Menschenmassen zu beeinflussen.

Aus Helga Cremer-Schäfer/Heinz Schäfer (1998), "Straflust und Repression" (S. 24)
Bei "Populismus“ handelt es sich um ein politisches Manöver, in dem Interessenpolitik durch Identitätspolitik abgelöst, in dem also nicht Gruppen mit (in Bezug auf eine bestimmte Frage) einheitlicher Interessenlage abgegrenzt (und auf dieser Grundlage von klar festgehaltenen Differenzen eventuell Kompromisse und Koalitionen ausgehandelt) werden, in dem vielmehr versucht wird, unter Überspielen von Interessenunterschieden eine möglichst große und fixe Gemeinsamkeit zu behaupten und durchzusetzen. Am plausibelsten scheinen für dieses gewagte Manöver „naturalisierende“ Kategorien von behaupteter Gemeinsamkeit zu sein: rassische, ethnische, nationale, Geschlechts-Identitäten oder eben das unbestimmte „Volk“, dessen Inhalt fast beliebig gefüllt und aus dem immer „Volksfeinde“ ausgenommen werden können. Dieses Manöver wird besonders durch die „negative Koalition“ erleichtert: Unterschiede lassen sich überspielen durch die gemeinsame Ablehnung eines Feindes.

Len Fisher behauptet, es gäbe gar keine Alternative zur Orientierung auf Masse oder zumindest Mehrheiten (S. 80): "Im Grunde haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können eine Abstimmung machen und uns nach der Mehrheit richten oder wir können eine Art Durchschnitt aus allen Meinungen bilden." Doch recht hat er damit nur, solange die Masse ohne Differenz als einziges Modell sozialer Organisierung anerkannt wird.

Im Original: Kritik an Massenformationen
Aus Michael Brückner, "Die Akte Wikipedia" (S. 24 f.)
Schwarmintelligenz - gemeinsam klüger oder dümmer?
Viele Köche verderben den Brei, heißt es im Volksmund. Doch das scheint in Zeiten von Wikipedia und den sogenannten Social Networks eine längst überholte Einstellung von unbekehrbaren Spießern zu sein. Und es klingt tatsächlich durchaus logisch: Weisheit ist die Summe von Wissen. Je mehr Menschen ihr Wissen teilen, desto größer die Weisheit. Sollte man zumindest meinen. Wie kann es dann aber nach wie vor zu spektakulären Fehleinschätzungen kommen, zum Beispiel zu Börsencrashs und Finanz-krisen? Versagt hier die Schwarmintelligenz? Salopp ausgedrückt: Die viel gepriesene Schwarmintelligenz folgt oft dem gleichen Verhaltensmuster wie der Herdentrieb.
An der ETH Zürich wurde dieses Phänomen vor einigen Jahren wissenschaftlich untersucht. Einer Reihe von Studenten wurden Schätzfragen gestellt. Sie sollten zum Beispiel beantworten, wie lang die Grenze der Schweiz zu Italien ist und wie viele Mordfälle es bei den Eidgenossen im Jahr 2006 gegeben habe. Einem Teil der Gruppe wurde anschließend der Durchschnittswert der Schätzungen ihrer Kommilitonen präsentiert. Ein weiterer Teil der Probanden erhielt die Schätzwerte der anderen Teilnehmer vorgelegt. Und dann kam es zu einem bemerkenswerten Effekt: Die Schätzungen näherten sich immer weiter an, es bildete sich sozusagen ein Mainstream heraus. Die Ext-remwerte verschwanden zwar, allerdings kam der Mainstream dem tatsächlichen Wert nicht näher. Menschen neigen also offenbar dazu, sich bei ihrer Urteilsbildung an anderen zu orientieren. Sind viele Menschen einer bestimmten Meinung, kann diese vermutlich nicht falsch sein so die gängige Einschätzung. Die Zürcher Forscher haben die Ergebnisse ihrer Untersuchung im Wissenschaftsblatt Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Dirk Helbing von der ETH Zürich bringt das Ergebnis dieser Untersuchung auf den Punkt: "Wenn alle anderen das Gleiche machen wie man selbst, glaubt man, auf dem richtigen Dampfer zu sein.""
Dass der Mainstream nicht unbedingt Ausdruck großer Weisheit sein muss, stellt an sich keine Überraschung dar. je mehr der Mensch weiß, was andere denken, desto be-reitwilliger passt er sich offenkundig an. Das (vermeintliche) Wissen der Masse verringert zwar die Diversität der Antworten, nicht jedoch die kollektiven Fehler. Insofern können interessierte Kreise den Mainstream gezielt manipulieren. Das Individuum ist nicht mehr selbst ein kritischer Denker, es passt sich der Mehrheitsmeinung allzu gern an in der Überzeugung, damit nichts falsch machen und auch nicht anecken zu können.


Viel schlauer wäre, Kooperationsformen zu finden, bei denen die Reflexion, die Möglichkeiten der Einzelnen und das durchdachte Vorgehen nicht zerbröseln, sondern sich die Qualitäten ergänzen, so dass übertroffen werden kann, was im Alleingang machbar ist.


Hierarchie: Differenz mit Gefälle
Masse ohne Differenz nicht das prägende Korsett heutiger Gesellschaft, aber eine innerhalb dieser immer wieder auftretende Variante, die denen hilft, die leicht steuer- oder benutzbare Einheiten brauchen.
Viel häufiger und bestimmender sind Hierarchien. In ihnen sind die Menschenmengen sortiert. Jeder Person kommen Rechte und Pflichten zu, aber eben nicht die gleichen. Äußere Regeln z.B. in Form der Gesetze oder die Zurichtung auf spezifische Rollen innerhalb der Gesellschaft bestimmen, wer wieviel zu sagen, welchen Zugriff auf welche Ressourcen und welche Handlungsmöglichkeiten hat. Wer in der Hierarchie weiter oben steht, kann das Verhalten der Darunterstehenden kontrollieren, steuern und Fehlverhalten sanktionieren - oder bedient sich dazu gesonderter Teile der Hierarchie, die für Überwachung und Sanktionierung zuständig sind. In der heutigen Gesellschaft arbeitet ein bedeutender Teil aller Menschen genau in dieser Aufgabe. Das sind nicht nur Polizei und Justiz, von denen das allgemein bekannt ist, sondern auch die AufpasserInnen am Arbeitsplatz, im Arbeitsamt oder Sozialbehörden sowie viele mehr. Etliche Berufszweige dienen auch dieser Überwachung und Sanktionierung. So kommt ÄrztInnen die Durchsetzung der Einteilung in krank und gesund zu, LehrerInnen benoten und reglementieren das Leben und Lernverhalten von Heranwachsenden usw.

Hierarchie bedeutet also im Gegensatz zur Masse, dass in der Menge Unterschiede zu erkennen sind. Die Menschen üben Funktionen aus, die ihnen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten geben, aber auch Erwartungen erzeugen. Die verschiedenen Positionen stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern über- und untereinander. Diese sozialen Stufungen treten nicht widerspruchsfrei auf, z.B. kann zwischen zwei Personen oder innerhalb einer Gruppe in einem Fall das hierarchische Gefälle andersherum sein als in einem anderen. Aufheben tun sich die Unterschiede aber nur selten. Die hierarchische Grundstruktur der Gesellschaft zeigt sich überwiegend als durchgehende, d.h. die Privilegien in einem Fall treten bei der gleichen Person auch an anderer Stelle auf. Wer viel Geld hat (mehr Handlungsmöglichkeiten), hat meist auch bessere Verbindungen in Eliten, kann sich vor Strafverfolgung besser schützen, hat ein höheres Ansehen und Einfluss in Entscheidungsorganen usw.

Hierarchien bedürfen starker Kräfte, um sie aufrecht zu erhalten. Neben autoritärer Durchsetzung per Sanktionierung abweichenden Verhaltens, Straf- und Belohnungssystemen und sozialer Stigmatisierung von Andersartigkeit können Diskurse und Legitimation die Akzeptanz von Hierarchien fördern. Diskurse sind solche Gedankengebäude, nach denen privilegierte Positionen als wohlbegründet erscheinen, z.B. aufgrund besserer Ausbildung, höheren Lebensalters oder einfach der Behauptung von Überlegenheit bestimmter Rassen oder eines Geschlechts. Sie können als Legitimation wirken, wie dies auch Wahlen oder ein Bezug auf höhere Weihen (z.B. göttlicher Auftrag) nach sich ziehen.

Hierarchien und Masse ohne Differenz können miteinander verknüpft sein. Zum einen lässt sich Masse leicht führen - und diese Kombination ist immer wieder vorgekommen. Der Faschismus bietet die beeindruckendste Ausprägung, wie eine ganze riesige Gesellschaft zu einer Gesamtheit in scheinbarer Gleichheit geformt werden kann und dann einem Führer zu Füßen liegt: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" - die perfekte Verbindung der zumindest in der politischen Organisierung strukturlosen Masse mit einer genau deshalb allmächtigen Einzelfigur als Volks(ver)führer.
Tatsächlich ragten selbst im Nationalsozialismus hierarchisch geordnete Machtstrukturen in die Masse hinein. Ihre Aufgabe war aber vor allem, die Masse als Menge ohne Orientierung und Struktur zu organisieren. Alle Teile, die als selbständige Struktur im Ganzen agieren konnten, wurden aufgelöst, ausgelöscht oder gleichgeschaltet.

Autonomie und Kooperation: Differenz ohne Gefälle
Es gibt eine - mindestens eine - weitere Form, wie sich Menschenmengen organisieren können. Diese ist schwerer zu beschreiben und bislang im Weltmaßstab ohne Vorbild. Bei genauerem Hinsehen hat es aber diese Form aber zumindest in Ansätzen immer wieder gegeben - oft mit bemerkenswertem Erfolg.

Eine Menge von Menschen kann sich, statt als Masse ohne Differenz oder als hierarchische Struktur, mit Binnenstrukturen organisieren, die nicht hierarchisch zueinander stehen. Diese gesellschaftlichen Subräume sind nicht in eine übergeordnete Gesamtstruktur eingegliedert - und sie bilden auch für niemanden eine erzwungene Gemeinschaft. Zwar wäre, dem Modell einer Selbstorganisierung folgend, allen Teilen selbst überlassen, wie sie sich intern organisieren, sie können aber niemanden zwingen, Teil ihrer Organisierung zu werden, und haben gegenüber anderen Teilen keine Dominanz.
"Eine Welt, in der viele Welten Platz haben" beschreibt diesen Typus in schönen Worten. Die Menschen in der Menge haben gleiche Möglichkeiten (keine Hierarchie), aber sie müssen sich deshalb nicht gleich entwickeln oder verhalten. Ganz im Gegenteil bilden die freien Zusammenschlüsse und Kooperationen ein die gesamte Menge durchziehendes Netz von kleinen und großen, kurzfristigen oder länger andauernden Teilen des Ganzen. Sie organisieren sich innerhalb des Ganzen weitgehend selbst und bestimmen von sich aus, wie viel Außenkontakt sie haben, mit wem sie wie kooperieren oder sich abgrenzen. Das Ganze ist, da hierarchielos, kein starres, sondern ein sich ständig nach den Wünschen und Bedürfnissen der Beteiligten veränderndes Netz von handelnden Teilen.

Aus Alex Demirovic, "Wirtschaftsdemokratie, Rätedemokratie und freie Kooperationen", in: Widerspruch 55 (2/2008, S. 65 f.)
Daraus ergibt sich, dass es keine staatlichen Grenzen geben kann und muss, denn es bilden sich jeweils nach sachlichen und persönlichen Gesichtspunkten bestimmte Formen der sozialen Kooperation. Diese Kooperationen finden nicht nur kleinteilig in einem Stadtteil oder einer Region statt, sondern dehnen sich je nach Bedarf und Möglichkeit räumlich weit aus - auch über die Grenzen des Nationalstaats hinaus. Entsprechend gibt es auch keinen staatlich konstituierten Volkssouverän. Vielmehr gibt es die Vielen, die jeweils bei der Gestaltung des konkreten Allgemeinen, ihrer konkreten Lebensverhältnisse im Zusammenhang einer umfassenden Kooperation mit allen anderen, beteiligt sind.
Die politische Organisation des gesellschaftlichen Allgemeinen, die im Namen der Volkssouveränität stattfindet, erweist sich als nicht begründbar. Sie ist zudem unterkomplex. Denn die empirische Zusammensetzung der Bevölkerung, die zur politischen Körperschaft des Volkssouveräns zusammengefasst wird, ändert sich ständig. Zudem greifen die Entscheidungen des Volkssouveräns in unzähligen Fällen über das Gebiet hinaus, für das der Volkssouverän Souveränität beanspruchen kann. So nehmen die Deutschen oder die Schweizer mehr Sauerstoff in Anspruch, als auf ihrem Territorium produziert wird; mit ihrer von der Verfassung geschützten Kaufkraft erwerben sie fossile Energie, entziehen sie also der Menschheit insgesamt, um sie für private Mobilität einzusetzen. Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass staatliche Grenzen eine dem Vergesellschaftungsniveau unangemessene Form des Entscheidens verlangen und Entscheidungsprozesse längst neue Formen annehmen: die der Governance in Netzwerken. Auf diese Weise findet Weltregieren schon längst statt. Globale Probleme sind Gegenstand von Beobachtung, Erfassung, Analyse, Prognose und kollektiver Entscheidung. Jede Weiterentwicklung kollektiver und solidarischer Entscheidungsprozesse muss an dieses Niveau anknüpfen. Wirtschaftsdemokratische ebenso wie rätedemokratische Praktiken sind bislang weitgehend auf Entscheidungsbereiche innerhalb und unterhalb des Nationalstaats begrenzt geblieben.


Eine Welt, in der viele Welten Platz haben, wäre eine Welt der ins Unendliche gehenden Unterschiedlichkeit. Diese Vielfalt ist ein Kern, der andere besteht aus Kommunikation und Kooperation. Wo der Zusammenhang des Vielen nicht durch eine Hierarchie oder Führung erzwungen ist, schaffen intensive Informationsflüsse, Orte der Begegnung und Koordinierung die Voraussetzung, dass Zusammenarbeit entsteht und so die Ergebnisse der Vielfalt für alle nutzbar werden.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 267)
Wenn es stimmt, dass Diversität das wichtigste Stabilisierungsprinzip in Natur und Gesellschaft ist, das einzige Prinzip, das Mensch und Natur viele Möglichkeiten und Lösungen sichert, dann liegt die Stärke der Gemeingüterdebatte in der Abwehr vereinfachender Rezepte für politisches Handeln. Diese Stärke beschreibt zugleich eine Begrenztheit. Denn wenn politisch zugespitzte Auseinandersetzungen zu Lösungen drängen, taugen Commons kaum als Kampfbegriff, wohl aber zur Orientierung und differenzierten Bewertung des Vorfindlichen. Die Gemeingüterdebatte bietet statt einer Blaupause eine programmatische Klammer. Eine neue Vision.

Wenn Menschen und ihre Zusammenhänge frei sind in der eigenen Gestaltung ihrer Angelegenheiten, wenn sie gleichberechtigt zueinander stehen und frei Absprachen treffen oder Kooperationen eingehen können, wenn keine Metastruktur darüber wacht, ob irgendwelche übergeordneten Interessen oder Normen berücksichtigt werden, dann kann die Idee freier Menschen in freien Vereinbarungen Wirklichkeit werden.
Es gibt bereits viele Beispiele, die zumindest in Ansätzen dieser Idee entsprechen:
  • Wiki, Open Source Software usw.: Via Internet können Projekte durch die Kooperation vieler Menschen mit gleichberechtigtem Zugang zu den Ressourcen entstehen. Wikis stellen Internetseiten dar, auf denen die InternetnutzerInnen selbst Inhalte einstellen können (Wikipedia war mal solch ein Projekt, siehe unten). Welche Leistungsfähigkeit solche Kooperationen haben können, zeigt die Software, die als Open Source entwickelt wird, d.h. alle Menschen, die wollen und mitprogrammieren können, tragen zur Entstehung der Software bei. Das Linux-Betriebssystem oder der inzwischen stark verbreitete Browser Firefox sind Beispiele für solche Programme.
  • Die Sozialforen, die um die Jahrtausendwende als neuartiger Treffpunkt sozialer Bewegungen entstanden, schufen offene Räume der gleichberechtigten Begegnung. Es sollte keine Metastruktur geben, sondern sich alles aus dem Engagement der Beteiligten entwickeln. Leider haben die großen, hierarchischen und nach Hegemonie in sozialen Bewegungen strebenden NGOs diese Idee immer bekämpft - mit Hilfe ihrer gut gefüllten Kassen und Hauptamtlichenapparate ist ihnen das auch zu guten Teilen gelungen.
  • Die Idee von Räterepubliken spiegelt das Bedürfnis nach Binnenstruktur ohne Hierarchie ebenfalls wieder, wenn auch in der praktischen Anwendung und auch in der Theorie ein naiver Umgang mit informellen Herrschaftsstrukturen besteht. In der Geschichte sind Experimente wie z.B. die Pariser Kommune oder die Republik Schwarzenberg durch überlegene externe Militärmächte beendet worden.
  • Der Begriff der Mulititude, von Hardt/Negri in ihrem gleichlautenden Buch zwar nicht erfunden, aber bekannt gemacht, ähnelt der Idee einer Gesellschaft, in der viele Welten Platz haben, in der also die Unterschiedlichkeit das Prägende ist.

Ein ebenso überraschendes wie spannendes Beispiel vollzog sich im Sommer 2010. Fußball prägte das Weltgeschehen, zumindest in den medial überladenen Metropolen und Wohnzimmern. Rechtzeitig vor dem teuren Kick trat ein Verteidiger im Lohn einer englischen Fußballmannschaft dem Leitwolf des deutschen Teams mächtig auf die Füße, so dass dieser nicht mitspielen konnte. Fassungslos schaute danach Fußballdeutschland, aber auch mehrere ansonsten an biedere Mannschaftsgeschlossenheit gewöhnte Fans anderer Länder, auf das Spiel der offenbar führungsfreien Kicker.

Aus "Das Ende des Dirigenten", in: Junge Welt, 7.7.2010 (S. 15)
Es geht um das Prinzip des uneingeschränkten Führers, das stets mit einer Unmündigkeit der Geführten einhergeht: Ein Mannschaftskapitän, der autokratisch entscheidet, was für das Spiel, für sich und für die anderen seiner Mannschaft gut und nützlich ist, steht in der Tradition eines absoluten Monarchen-/Kaiser-/Zarentums. Das mag zeitweise von Erfolg gekrönt sein, doch nur solange, bis dem ein besseres System entgegensteht – eines, in dem Eigeninitiativen sich entfalten und zu einem Flechtwerk ungeahnter Phantasie sich entwickeln dürfen.
Das Abschaffen des Führerdenkens entspricht der Grundlage des Free Jazz als der (in bezug auf ihren anarchistischen und damit basisdemokratischen Gehalt) bis heute am weitest gediehenen künstlerischen Ausdrucksform in der Geschichte der Menschheit. ...
Der Zar wurde erschossen, der Preußenkaiser zum Abdanken gezwungen, Franco starb an Altersschwäche. Der Fürst Kropotkin entsagte freiwillig seiner Krone, postulierte, lebte und strebte nach dem Ideal der "Freien Vereinbarung", dieser grenzenlosen Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft, und vielleicht ist Löw sogar stark genug – zumindest in der Anfangsphase – auf Klose zu verzichten, um dessen Ehrgeiz auf den Titel "erfolgreichster Torschützenkönig sämtlicher Weltmeisterschaften" zu bremsen und so zu verhindern, dass er vor lauter Alleingängen das Kollektiv vergißt. Löw ist der zwölfte Mitspieler.


Leider verschwand die Idee der egalitären, aber vielfältigen Gemeinschaft schnell wieder aus den Köpfen. Offenbar schuf das Sportereignis und der national oder alkoholisch geprägte Überschwang eine Art Narrenfreiheit des Denkens - nicht die schlechteste Ausgangslage für emanzipatorische Geistesblitze. Ein Vergleichsfall hätte durchaus die der Weltmeisterschaft folgende Bundesligasaison mit dem Höhenflug der Clubs aus Mainz oder Dortmund bieten können, aber das Sympathiepotential für anarchische Gesellschaftsgestaltung war offenbar verflogen. Übertrieben war es ohnehin, doch in Deutschland zählt offenbar schon als herrschaftsfrei, wo der Führer nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist ...

Wandel und Übergänge - in alle Richtungen
Kein System ist so selbst-stabilisierend, dass es, einmal geschaffen, weiter existiert und sich entwickelt. Offene Systeme mit einer vielfältigen Binnen-, aber ohne übergeordnete Gesamtstruktur, können auf Bedrohungen von Innen oder Außen nicht als Einheit reagieren. Das ist zunächst auch einmal gut so, weil die Etablierung einer einheitlichen Reaktionsfähigkeit bereits die neue innere Metastruktur wäre. Eine Menschenmenge ohne Hierarchie und Gesamtheit besteht solange, wie sich Menschen selbst organisieren, Subräume immer wieder neu bilden und den Prozess von Kommunikation und Kooperation immer wieder vorantreiben. Dazu besteht aber viel Anlass, denn dadurch verbessern sich auch die Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen. Egoismus, der Wille zum besseren Leben, treibt also in einer solchen Gesellschaft selbst das Kooperative und Kommunikative an.

Schleichend lassen sich aber offene Systeme verändern, zumindest Teile der Vielfalt. Besonders schnell geht das bei Subräumen, die als Experiment innerhalb einer ansonsten herrschaftsförmigen Welt errichtet werden. Ein prägnantes und oft diskutiertes Beispiel war Wikipedia. Die Offenheit der Internet-Enzyklopädie zum Mitmachen war nie garantiert, sondern ein Zugeständnis der MacherInnen. Aus ihr resultierte aber eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Offenheit schafft und sichert offenbar Qualität. Wikipedia begann weitgehend offen und unkontrolliert. Die Folge: Hohe Qualität. Das wurde mehrfach durch Untersuchungen bestätigt.

Aus "Googles Gegner", in: FR, 28.12.2007 (S. 48)
Während Kritiker immer wieder an der Seriosität der "anarchischen Wiki-Welt" zweifelten, fanden Studien heraus, dass die Einträge durchaus mit althergebrachten Lexika mithalten konnten, wenn nicht sogar besser waren.

Doch obwohl Wikipedia besser war als andere Enzyklopädien, begannen viele, vor allem bürgerliche Medien, über Wikipedias anarchischen Ansatz herzuziehen. Mensch sich vor Wikipedia hüten und immer auch andere (schlechtere!) Quellen einbeziehen - so einer der oft genannten Vorschläge. Wie absurd! Zwar ist immer besser, mehrere Quellen zu nutzen - aber wurde jemals so über den Brockhaus geredet, dass mensch lieber noch ein zweites oder drittes Lexikon gleichzeitig nutzt?
Die Wikipedia-MacherInnen waren schnell im Diskurs der Angst vor unkontrollierten Räumen gefangen. Stück für Stück wurde Kontrolle eingeführt. Heute ist Wikipedia ein krass vermachteter Raum. Die Idee wurde zerstört - und die Qualität verschlechterte sich! Doch das wird jetzt niemand mehr thematisieren, denn Wikipedia ist jetzt im Schoß einer kontrollsüchtigen Gesellschaft angekommen.

Kontrolle ist gut, obwohl ihr Fehlen ein besseres Ergebnis lieferte!
Aus "Vorsicht Ente!", in: FR, 18.2.2009 (S. 36 f.)
Das Interessante ist: Die deutschsprachige Version von Wikipedia hat schon im Mai 2008 begonnen, eine kollektive Kontrollinstanz aufzubauen. Seitdem gibt es Aufpasser, die Artikel überprüfen und Schmierereien entfernen. ... Beiträge, in denen ihnen kein Vandalismus aufgefallen ist, werden mit einem gelben Auge gekennzeichnet. Das Siegel ist ein minimaler Qualitätsnachweis. Es signalisiert vor allem: Auf den ersten Blick ist mit diesem Text alles in Ordnung. Wenn das Sichter-Prinzip sich bewährt, könnte der nächste Schritt folgen. Dann würden die gesichteten Versionen inhaltlich geprüft. ...
Im Laufe der recht jungen Wikipedia-Geschichte zeigten verschiedene Untersuchungen, dass sowohl Brockhaus als auch Britannica nicht unbedingt besser sind als die Online-Enzyklopädie. Im führenden Wissenschaftsmagazin Nature erschien 2005 eine Studie, die bei Britannica-Artikeln im Durchschnitt drei und bei Wikipedia vier Fehler zählte - ein erstaunlich geringer Unterschied. Der Stern verglich den Netz-Auftritt von Brockhaus mit Wikipedia - und gab der selbstgemachten Enzyklopädie viel bessere Noten. Ihr großer Vorteil: Sie war fast immer aktueller. Allein bei der Verständlichkeit lag der Brockhaus vorn.


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