Projektwerkstatt

HERRSCHAFT UND UTOPIE - DIE EINFÜHRUNG

Buchvorstellungen zum Themenbereich


1. Ohne Herrschaft ginge vieles nicht - und das wäre gut so!
2. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Mehrere Bücher widmen sich Zukunftsentwürfen – von sehr zurückhaltenden Reformen innerhalb der bestehenden Verhältnisse bis zu anarchistischen Perspektiven jenseits staatlicher und kapitalistischer Ordnungen. Zu ersteren gehört „Wir“ von Wolfgang Picken (2018, Güterloher Verlagshaus bei Randomhouse, 221 S., 18 €), in dem Wunschvorstellungen solidarischen Umgang, gerechter Verteilung, gastfreundlichen Verhaltens und eines netteren Miteinanders kapitelweise beschrieben werden. Das alles erfolgt ohne eine tiefere Analyse bestehender Herrschafts- und wirtschaftlicher Verhältnisse und führt so zu etwas naiven Hoffnungstexten. So scheint der Beruf des Autos als Pfarrer ein schriftstellerisches Abbild erhalten zu haben. Noch stärker prägt das Sina Trinkwalders „Zukunft ist ein guter Ort“ (2019, Droemer in München, 208 S., 18 €). Auch hier fehlt eine genauere Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, ebenfalls dominieren vage Hoffnungen die benannten Ziele. Besonders an dem Buch aber ist der positive Bezug auf die im Hier und Jetzt vorhandenen Möglichkeiten. Durch technische Innovationen und noch mehr politische Gremien soll viel Gutes entstehen. Eine überzeugende Herleitung, dass neue Technik oder Institutionen plötzlich Nettigkeit stiften statt noch mehr Ausbeutung und Unterdrückung, fehlt. Da ist Naomi Klein mit „Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann“ (2019, Hoffmann und Campe in Hamburg, 351 S., 24 €) immerhin ein Stück weiter. Sie führt an mehreren Stellen aus, wie verlogen bisherige Politikangebote oft waren und wie neue Techniken unter alten gesellschaftlichen Bedingungen die Sache noch verschlimmern werden. Warum sie angesichts dieser kritischen Beobachtung, die das ganze Buch durchzieht, trotzdem ausgerechnet positiven Bezug auf „New Deal“ und, wie im Buch explizit benannt, sogar den Wachstumsmotor und Kalter-Krieg-„Marshallplan“ nimmt, bleibt im gesamten Text unverständlich. Denn – zum Glück – sind die konkreten Vorschläge deutlich besser als das Vorbild. Wer es schafft, diesen seltsamen Bruch auszublenden, kann aus dem Buch einige gute Ansätze herauslesen. Ebenfalls um Veränderungen, die zwar im bestehenden System bleiben, aber wenigstens punktuell mit dessen Regeln und Logiken brechen, geht es den vielen Autor*innen im von Susanne Elsen herausgegebenen Buch „Ökosoziale Transformation“ (2011, AG SpAK in Neu-Ulm, 450 S., 32 €). Die meisten der beschriebenen Vorschläge wie Subsistenz, solidarische Ökonomie, Commons und Bodenpolitik werden an der einen oder anderen Stelle schon praktiziert – zumindest versuchsweise. Das Buch bleibt aber meist abstrakt oder entwickelt sogar eher Szenarios, also Beschreibungen zukünftiger Verhältnisse und Situationen. Kapitel gibt es auch Wohnen und Kultur.
Wolfgang Haug und Michael Wilk gehen mit „Herrschaftsfrei statt populistisch“ (2018, edition AV in Bodenburg, 118 S., 12 €) noch weiter. Sie stellen die Frage nach dem Ganzen. Das kleine Buch mit dem Untertitel „Herrschaftsfrei statt populistisch“ ist ein erweiterter Nachdruck des 1995 im trotzdem-Verlag erschienenen Buches „Der Malstrom“. Es war damals, wenn auch versteckt unter dem wenig erklärenden Titel, ein wichtiger Beitrag zur ansonsten dürftigen aktuellen Theoriebildung im deutschsprachigen Anarchismus. Dieses Werk neu aufzulegen, ist also begrüßenswert. Die beiden damaligen Autoren ergänzen mit jeweils einem Kapitel aus heutiger Sicht den Nachdruck. Dabei handelt es sich aber eher um Anklagetexte wider dem populistischen Zeitgeist als um aktuelle Ergänzungen zum „Malstrom“.
Und apropos Herrschaftsdebatte: Da gibt es seit langem den aufreibenden und in der Geschichte oft fatalen Konflikt zwischen Anarchismus und Marxismus. Dem widmet sich der Verlag „Die Buchmacherei“ gleich zwei Bücher. Dabei sind beide Werke versöhnlich, ohne die bestehenden Unterschiede und Streitlinien unter den Teppich zu kehren. Unter dem Titel „Revolutionäre Annäherung“ (2017, Berlin, 167 S., 12 €) stellen Olivier Besancenot und Michael Löwy die gemeinsamen Kämpfe der vergangenen Jahrhunderte dar, um dann mit ausgewählten Porträts der Vergangenheit bis heute fortzufahren. Immer geht es darum, Schnittmengen zu benennen – und deren Grenzen. Die werden dann in den drei abschließenden Kapiteln explizit genannt. Es ist ein engagiertes Buch, getrieben vom Willen, die Überbrückbarkeit der Gegensätze und die taktische Notwendigkeit dazu zu begründen. Philippe Kellermann verzichtet in seinem Buch „Anarchismus. Marxismus. Emanzipation“ auf eine solche systematische Gliederung (2012, Berlin, 165 S., 10 €). Dokumentiert sind fünf Gespräche mit Personen, die auf der Grenze zwischen den beiden unterwegs sind oder über solche Schubladen hinter sich lassende Theorien bzw. Konzepte nachdenken. Fazit hier: Theoretisch anspruchsvoll, aber leider gelang es gar nicht, die konkrete Kämpfe und ihre Tücken in die Gespräche zu integrieren.

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